Festvortrag zur Feier des 75-jährigen Bestehens
des Exerzitien- und
Bildungshauses der Pallottinerinnen in Limburg am
24. Mai 2003
(gewidmet meinem geliebten Bruder Karl Frohnhofen, der heute 50 Jahre
alt geworden wäre)
von Herbert Frohnhofen, Mainz/Flacht
Andererseits - so fällt bei näherem Zusehen
auf - sind nicht alle, die sich von biblisch-christlicher Spiritualität
leiten lassen, international tätige Aggressoren
oder deren Unterstützende, sondern es gibt unzählige andere
Menschen - an ihrer Spitze den Papst -, für die
die gelebte biblisch-christliche Spiritualität Quelle eines unge-
mein fruchtbaren Friedensengangements im Inneren wie
im Äußeren und gegenüber den Menschen aller Nati-
onen, Kulturen und Religionen ist. Wir lernen also: Mit
der biblisch-christlichen Spiritualität ist es wie mit dem
Beton: Es kommt darauf an, was man aus ihr macht bzw.
hier: wie sie angelegt, verstanden und mit welchen In-
halten und Zielen sie gelehrt wird. Die Unterscheidung
der Geister tut also wieder bitter not. Und so will ich im
die Gelegenheit nutzen, in fünf Punkten einige wenige
orientierende Gedanken dafür zu benennen, wie gelehrte
und gelebte Spiritualität tatsächlich an Jesus
Christus und seiner Erlösungs- und Friedensbotschaft für die
Welt
anschließen kann, damit sie nicht - wie wir es
aktuell erleben mußten - als ein Zerrbild derselben politisch und
propagandistisch mißbraucht wird.
1. Die geschöpfliche Würde jedes
Lebewesens ernstnehmen
Das deutlichste Indiz dafür, wie sehr die aktuell
erlebte - angeblich biblisch-christlich motivierte und gestützte -
Kriegspropaganda der us-amerikanischen Politik, Streitkräfte
und Medien tatsächlich christlichen Motiven zu-
widerlief, ist m.E. die Tatsache, daß die Bedeutung
jedes einzelnen us-amerikanischen Menschenlebens unend-
lich hoch geschätzt, irakische ebenso wie zuvor
bereits auch afghanische Menschenleben aber offensichtlich für
die Angreifer weitgehend irrelevant waren bzw. oft sogar
ausdrücklich so genannt wurden. Dies basiert natürlich
auf einem - wie oben schon angedeutet - durch viele Filme,
Bücher und Videospiele propagierten Weltbild, nach
dem die USA und mit gewissen Abstrichen ggf. noch ihre
jeweiligen Verbündeten das angeblich von Gott allein
gesegnete >Reich des Guten< bilden, während die
Menschen in anderen, insbesondere den sog. >Schurkenstaat-
en< in ein >Reich des Bösen< eingeordnet werden.
Eine Folge dieser - im sportlichen Fan-Wettbewerb in Maßen
vielleicht noch erträglichen, dort wo es um Leben
und Tod geht aber absolut unerträglichen - Aufteilung der Men-
schen in Gute und Böse ist es, daß hierdurch
vermeintlich eine Rechtfertigung gewonnen wird, das Leben der an-
geblich >Guten< in jeder Weise hochzuschätzen
und zu fördern, das Leben der angeblich >Bösen< aber geringzu-
schätzen und nahezu bedenkenlos - ja teilweise sogar
als Heldentat gefeiert - zu zerfetzen.
Tatsächliche biblisch-christliche Spiritualität
- dies ist in diesem Zusammenhang mit aller Vehemenz einklagen -
kann und darf eine solche Aufteilung in angeblich >Gute<
und angeblich >Böse< - von wem auch immer sie vor-
genommen wird - niemals akzeptieren, dulden oder gar
fördern. Im Gegenteil: Biblisch-christliche Spiritualität
geht grundlegend davon aus, daß alle Geschöpfe,
menschliche wie nichtmenschliche, unter der bedingungslosen
Liebe eines guten Gottes stehen und deshalb auch durch
den Menschen schützenswerte und schutzbedürftige Le-
bewesen sind. Es kann und darf deshalb aus christlicher
Perspektive niemals ein Wohlleben der einen auf Kosten
der zu diesem Zweck dämonisierten anderen oder gar
ein Töten der einen um der vermeintlichen oder tatsächlichen
größeren Sicherheit für die anderen geben
- einige ganz begrenzte Situationen, etwa im Zusammenhang eines Ty-
rannenmordes, ausgeschlossen. - Für das Lernen und
Vertiefen biblisch-christlicher Spiritualität, wie es ja hier und
heute im Mittelpunkt steht, ergibt sich damit als oberster
Grundsatz: Jedes Geschöpf ist wichtig und von Gott ge-
liebt. - Einen sehr wichtigen - m.E. noch nicht in jeder
Hinsicht und überall genügend ausgeloteten und bewußten
-
Verbündeten finden wir hierin in der buddhistischen
Spiritualität sowie der in ihr gelehrten und gelebten >Achtsam-
keit im Leben<, die ja sehr ähnlich im Wahlspruch
der >Ehrfurcht vor dem Leben< beim protestantischen Theolo-
gen Albert Schweitzer wiederkehrt.
2. Der Mensch ist Abbild Gottes
Während wir heute selbst in christlichen Kreisen
oft auf Unverständnis darüber stoßen, wie die biblische
Rede
von der Gottebenbildlichkeit des Menschen heute zu deuten
sei, hat der sich regelmäßig selbst als „religiös un-
musikalisch"bezeichnende Philosoph Jürgen
Habermas in seiner Frankfurter Paulskirchenrede vom Oktober
2001 darauf aufmerksam gemacht, wie sehr unsere gesamte
Kultur durch diese Intuition - wie er sagte - geprägt
ist und wie sehr ihr Weiterbestehen auch hiervon abhängt.
Doch wofür steht die Rede von der Gottebenbildlich-
keit des Menschen eigentlich?
Vergleichsweise weit verbreitet ist das Bewußtsein
für einen ersten Aspekt dieser Rede, nämlich die - in unserem
Land ja an prominenter Stelle selbst grundgesetzlich
geschützte - unveräußerliche Würde jedes Menschen.
Die-
ser Aspekt findet zum Glück und zu unserm Nutzen
weiterhin häufig Erwähnung im Zusammenhang der Diskus-
sionen um medizinische und naturwissenschaftliche Eingriffe
in unser menschliches Leben; leider wird dabei der
Bereich der Tötung der Leibesfrucht nach wie vor
gesellschaftlich sehr vernachlässigt.
Ein zweiter - traditionell ebenfalls sehr bedeutsamer
und vor allem durch das II. Vatikanische Konzil wieder be-
sonders herausgehobener - Aspekt der Rede von der Gottebenbildlichkeit
des Menschen steht heute leider etwas
weniger im Fokus. Es ist jener Aspekt, daß der
Mensch nach der biblischen Darstellung des Schöpfungszusam-
menhangs dazu berufen ist, eine verantwortliche Mitsorge
für die gesamte Schöpfung zu übernehmen. Die Gott-
ebenbildlichkeit des Menschen meint dann nicht nur das
grundlegende - allerdings statische und eher passive -
Moment der unveräußerlichen Würde jedes
Menschen, sondern sie meint ebenso das aktive, gestaltende, ja schöp-
ferische Element der verantwortlichen Mitsorge für
die Schöpfung; und diese - so sagt uns die biblische Offenba-
rung - hat sich auch selbst wiederum zu orientieren an
der geschöpflichen Würde jedes anderen Lebewesens. Vor
Gott verantwortliche Mitsorge für die Schöpfung
meint mithin eine Mitsorge, die sich an der die Schöpfung prä-
genden Gesetzlichkeit und Ordnung Gottes orientiert und
nicht - wie es in unserer Gesellschaft zuweilen den An-
schein hat - allein das eigene Wohlleben in den Mittelpunkt
stellt. Das Bemühen um artgerechte Tierhaltung etwa,
um naturnahe Landwirtschaft, ja um ökologisches
Wirtschaften überhaupt - also nach unserer gesellschaftlichen
Sprachregelung sogenannte grüne Themen - haben ohne
Zweifel ihre kulturellen Wurzeln in diesem biblischen
Auftrag der gottgemäßen verantwortlichen Mitsorge
für die Schöpfung; und es ist aus meiner Sicht einer der ano-
nymen Erfolge christlicher Spiritualität, daß
wir hierzu in unserer Gesellschaftlich stark gewordene Strömungen
auch in der politischen Arbeit entwickelt haben.
Ein dritter an dieser Stelle zu nennender Aspekt der Rede
von der Gottebenbildlichkeit des Menschen ist heute
und an dieser Stelle aber vielleicht erst der wichtigste.
Die Tradition unseres christlichen Glaubens hat nämlich im-
mer wieder darauf aufmerksam gemacht, daß angesichts
der durch die Sünde geschehenen Verdunklungen unserer
Gottebenbildlichkeit es das Wichtigste zur Erlangung
des Heiles für unser Leben ist, daß diese Verdunklungen auf-
gehellt werden. Jesus Christus - so heißt es -
ist das wahre, das tatsächliche, das - so weit es für einen Menschen
überhaupt möglich ist - vollkommene Abbild
Gottes. Er und sein Leben sind deshalb für uns der Maßstab;
er ist
uns der entscheidende Hinweis darauf und das Vorbild
dafür, wie auch wir wieder zu einem möglichst ausgeprägten
Bild unseres Schöpfergottes werden können.
- Neben einem eher passiven Element, der unveräußerlichen Würde
je-
des Menschen, sowie einem eher aktiven Moment, nämlich
der gottgemäßen Mitsorge für die Schöpfung, haben
wir
im hier genannten dritten Aspekt der Gottebenbildlichkeit
des Menschen, ein die gesamte Persönlichkeit des Men-
schen umfassendes, und zwar ihre Dynamik und Lebensgestaltung
orientierendes Element. Der Mensch soll - als
Individuum und in der Gemeinschaft mit den anderen -
zum an Jesus Christus Maß nehmenden Bild Gottes allererst
werden; und der Weg dorthin heißt seit alter Zeit
>Bildung<.
3. Der Begriff > Bildung<
Sprechen wir in unserer heutigen Gesellschaft, meine sehr
verehrten Damen und Herren, von >Bildung<, so ist in
den seltensten Fällen von einer Bildung in diesem
genannten Sinne, nämlich des Abbild Gottes Werdens nach dem
Vorbild Jesu Christi die Rede. Stattdessen sind in aller
Regel allein auf einen bestimmten Zweck hin fokussierte Aus-
bildungskonzepte im Blick. Nun ist es völlig klar,
daß in einer sehr komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft auf viel-
fältige Verwertungszusammenhänge und entsprechende
Bedarfe hin ausgebildet werden muß. Wenn jedoch inzwi-
schen selbst die Beschäftigung mit antiken Sprachen
und damit Kulturen an unseren Gymnasien kaum mehr einen
Platz hat, weil man dies - wie man sagt - in keiner Weise
beruflich verwerten könne, oder etwa für die Beibehaltung
des Religionsunterrichtes z.B. an Berufschulen zuweilen
von Arbeitgeberseite nurmehr damit argumentiert wird,
daß man auf diese Weise den Auszubildenden die
im Arbeitsprozeß dringend notwendigen sog. Werte und Verhal-
tensweisen zu vermitteln hofft, dann ist etwas faul im
Staate Bundesrepublik. Wir haben dann offenbar den Blick
dafür verloren, daß der Mensch und die ihm
zur Verfügung gestellten Bildungsmöglichkeiten nicht allein dazu
da
sind, die Verwertungsmöglichkeiten der menschlichen
Arbeitskraft noch mehr zu steigern, sondern daß umgekehrt
Arbeitskraft und wirtschaftliche Verwertungsmöglichkeiten
dazu da sein müssen, der Persönlichkeitsentwicklung
der einzelnen Menschen zu dienen.
Nehmen wir nämlich den Ausdruck >Bildung< in seiner
ursprünglichen Bedeutung des Abbild Gottes Werdens
nach dem Vorbild Jesu Christi, dann steht nicht der jeweilige
Verwertungszusammenhang sondern der einzelne
Mensch und die Entwicklung seiner ganz individuellen
Persönlichkeit im Mittelpunkt des Bildungsinteresses. Na-
türlich ist es nicht ausgeschlossen, sondern es
wird auch dann darum gehen, daß der Mensch lebenstüchtig wird
und seine Fähigkeiten so entwickelt werden, daß
sie zum Nutzen der Allgemeinheit und damit auch in Verwertungs-
zusammenhängen einsetzbar sind. Doch die Prioritäten
sind andere: Nicht der Mensch ist für die wirtschaftlichen
Verwertungszusammenhänge da, sondern letztere sind
für ihn und die Entwicklung seiner Persönlichkeit da. Der
Mensch - so er denn freigelassen und dazu ermutigt wird,
sich selbst nach dem Vorbild Jesu Christi zum Abbild Got-
tes entwickeln zu dürfen - steht selbst, und zwar
mit den ihm ganz individuell gegebenen Fähigkeiten und Eigenar-
ten im Mittelpunkt des Interesses und nicht der ihm von
außen aufgezwungene, jeweilig als besonders wichtig gehal-
tene wirtschaftliche Verwertungszusammenhang. Wie sehr
freilich dieser Grundansatz letztlich sogar dem wirtschaft-
lichen Verwertungszusammenhang dient, hat der amerikanische
Jesuit O'Donovan, der derzeit als Rektor der renom-
mierten George-Town-Universität in Washington fungiert,
unter dem Stichwort des >Sabbat-Paradoxes< erläutert.
4. Das sog. Sabbat-Paradox (Donovan)
In seinem hoch bedeutsamen Grundsatzreferat
auf dem Bildungskongress der beiden großen Kirchen am 16. Novem-
ber
des Jahres 2000 in Berlin ist O'Donovan nämlich von der These
ausgegangen, daß wir derzeit in einer gesellschaft-
lichen Situation leben, die dabei ist, alle Lebensbereiche
einer alleinigen Funktionalisierung zu unterwerfen. ("Ganze
Lebensbereiche, die früher nicht unter Wettbewerbsgesichtspunkten
betrachtet wurden, werden nun nach markt-
wirtschaftlichen Prinzipien um- und durchorganisiert.")
Am deutlichsten seien solche Übersprungeffekte im Be-
reich der Freizeit und der Kultur zu beobachten.
Um einer solchen totalitären Funktionalisierung aller
Lebensbereiche zu wehren, sieht er es als einzige Chance an, sich
auf den jüdisch-christlichen Gott zu besinnen, der
allein - und zwar im Gegensatz zu allen anderen für einzelne Zwecke
funktionalisierten Göttern in anderen Religionen
- dafür offen sei, den ganzen Menschen, ja die gesamte Schöpfung
heil-
voll in den Blick zu neh-men. Deutlichstes Indiz hierfür
sei das jüdische Sabbatgebot: "Das Zeitzeichen für Gott ist
der
Tag, an dem keine Zwecke verfolgt werden, an dem der
Nutzenkalkül suspendiert ist, an dem keinerlei Arbeit getan
werden darf: der Sabbat.", der, so ist natürlich
für uns Christen zu ergänzen, bei uns der Sonntag geworden ist.
Interessanter Weise ergibt sich nun nach O'Donovan hieraus
das von ihm sogenannte >Sabbat-Paradox<, das er wört-
lich so formuliert:
"Die Aufhebung des Zwangs zur Nützlichkeit gibt
dem (gesamten) Nutzenkalkül ein positives Vorzeichen, ermöglicht
die Frage nach dem Nutzen des Nutzens und eröffnet
eine lange Perspektive. Die Auszeit, die die kurze Zeit der Ar-
beit unterbricht, wird zur Agentur der langen Zeit...
Manchmal ist es richtig, Tempo zu machen: Presto, prestissimo!
Manchmal ist (aber) das Mittel der Wahl, auf die Bremse
zu treten und manchmal müssen wir heraustreten in den
Sabbatraum. Es geht um nichts weniger als um die Rettung
des Subjekts, um die Rettung der Freiheit. Doch das Sub-
jekt ist keine Monade. Der Sabbat ist dem ganzen Volk
geschenkt, der ganzen Gemeinde einen privaten Sabbat und
Sonntag gibt es nicht. Für uns alle kommt es
darauf an, dass wir uns nicht einem Konformismus der Beschleunigung
unterwerfen. Ein eindimensionaler Beschleunigungskonformismus
vernichtet den Reichtum des Lebens. Das Sabbat-
paradox ist eine kulturelle Erfahrung, die auch erklärt,
warum der Fortschrittsgedanke in der jüdisch-christlichen
Hemisphäre so folgenreich geworden ist. Keine
andere Kultur hat sich als so innovativ erwiesen. Das gilt auch für
Wissenschaft und Technik. Im Vergleich der Kulturen
fällt auf, dass es viele ausdifferenzierte Gesellschaften und
Hochkulturen gegeben hat. Aber es ist die jüdisch-christlich
geprägte Kultur gewesen und phasenweise auch die isla-
mische, in der die moderne Zivilisation möglich
wurde. Der vorweltliche Gott, dessen Tag der Sabbat ist und der
Sonntag, er sorgt dafür, dass diejenigen, die
darauf aus sind, seinen Willen zu erforschen und zu tun, sich immer
wieder vom Ist-Zustand abstoßen. Die Welt, wie
sie ist, ist nicht alles, die Welt muss verändert werden. Die Schemata
des Bestehenden werden transzendiert, der Exodus aus
dem Sklavenhaus des Bestehenden ist eine Grundfigur christli-
cher eschatologischer Praxis."
"Daher", so O'Donovan weiter, "verteidigen diesen
Tag (den Sonntag) auch die klugen Ökonomen als den Tag des
übernützlich Nützlichen. Die Klugheit
der Ökonomen besteht nämlich darin, dass sie erkannt haben, dass
der Schritt
heraus aus dem Alltag der Arbeit den Zielen des Unternehmens
mehr nützt als ein gedankenloses Weitermachen im
immer Gleichen. Sie wissen vielleicht gar nicht, dass
diese Klugheitsregel ein monotheistisches Erbe ist. Wer auf
Innovationen, auf Kreativität aus ist, der muss
den Sabbat und den Sonntag verteidigen."
Das Sabbat-Paradox, so können wir also mit unseren
Worten zusammenfassen, besteht für Donovan gerade darin, daß
das scheinbar Unnütze, nämlich die Arbeitsruhe
und Besinnung am Sabbat/Sonntag in Wahrheit für den Menschen zum
wahrhaft Nützlichen, ja zum Übernützlichen
wird. Der Sabbat/Sonntag hat dabei genau jene Funktion, dem alltäglich
Nützlichen ein insgesamt positives Vorzeichen zu
verleihen, es damit in seiner Sinnhaftigkeit und Kreativität zu stärken.
Und, so dürfen wir an dieser Stelle hinzugeben und
hinzufragen: Gibt es eine Institution die eher prädesitiniert wäre,
in
diesem Sinne kreative und sinnstiftende Sonntagsruhe
zu gestalten als ein christlich-spirituelles Bildungshaus?
5. Ein paar Konkretionen zum Abschluß
Nehmen wir das bis hierhin nur in kurzen Strichen Ausgeführte
ernst, so ergeben sich m.E. für eine christlich-spirituelle
Bildung in unserer Zeit vor allem folgende Konkretionen:
1. Die grundlegende und wichtigste Aufgabe christlich-spiritueller
Bildung ist es m.E., das Bewußtsein um die gotteben-
bildliche Würde jedes einzelnen Menschen, ja die
Würde jedes Geschöpfes und eine entsprechende Achtsamkeit wachzu-
halten.
2. Die sich hieraus ergebende zweite Aufgabe ist es, den
Menschen als jenes Abbild Gottes wahr- und ernstzunehmen,
das immer auch erst auf dem Weg ist, ein je angemesseneres
Bild Gottes zu werden. Dies bedeutet, daß die Bildungsan-
gebote zum einen daraufhin angelegt sein müssen,
den Menschen gerade jene Hilfestellungen zu geben, die trotz vielfäl-
tiger Bildungseinrichtungen in unserer heutigen Gesellschaft
auf ihrem Weg zu Gott durch Jesus Christus ansonsten eher
Mangelware sind bzw. ansonsten nirgends vorkommen. Dies
bedeutet zum anderen aber auch, daß gerade solche Bil-
dungsangebote gemacht werden sollten, die die faktische
Sünden- und Schuldverfallenheit der Welt und der Menschen
ernst nimmt und sich vor diesem Hintergrund gerade um
die auf der Strecke gebliebenen Opfer dieser Schuldhaftigkeit
kümmert.
3. Zum dritten ergibt sich aus oben Gesagtem, daß
ein christlich-spirituelles Bildungsangebot prinzipiell jedem Menschen
offenstehen sollte bzw. muß. Wenn nämlich
aus der Perspektive des christlichen Glaubens der Sinn jedes menschlichen
Lebens darin liegt, in freier Gestaltung des eigenen
Lebens und in der lebendigen und wertschätzenden Kommunikation
mit den anderen Geschöpfen nach dem Vorbild Jesu
Christi zum voll entwickelten Abbild Gottes zu werden, ergibt sich
hieraus unmittelbar, daß jeder Mensch das Recht
haben muß, an den hierzu zur Verfügung gestellten Bildungsmöglich-
keiten Anteil zu nehmen. Dies kann natürlich nicht
bedeuten, daß jedem Menschen jede Bildungsmöglichkeit offenstehen
muß, meint jedoch, daß jeder Mensch nach
seinen individuellen Fähigkeiten und Anlagen Bildungsmöglichkeiten,
insbe-
sondere der christlichen Spiritualität in Anspruch
nehmen können sollte.
4. Ein vierter Aspekt, der sich aus der Perspektive der
ganzheitlichen Geschöpflichkeit des Menschen für die Bildungstä-
tigkeit aus christlicher Perspektive ergibt, ist die
Tatsache, daß jede Fähigkeit des Menschen der Bildung in gleichem
Ma-
ße wert und wichtig ist. Wenn wir nämlich
aufgrund unseres biblisch-christlichen Glaubens - zumindest heute - davon
aus-
gehen, daß wir nicht etwa einen guten Geist und
einen weniger guten Körper oder umgekehrt erhalten haben, sondern
daß wir als Menschen so wie wir sind, mit all unseren
Fähigkeiten und Anlagen von einem guten, Sinn und Heil geben
wollenden Gott geschaffen wurden sowie im Leben gehalten
und begleitet werden, dann sind auch all unsere Fähigkeiten
in gleichem Maße gut und damit förderungs-
bzw. bildungswürdig. (Es darf mithin aufgrund unseres Glaubens keine
einsei-
tige Hochschätzung einzelner und Abwertung anderer
Fähigkeiten geben, selbst wenn uns die auch im Bildungswesen im-
mer wieder begegnenden aktuellen Moden faktisch eines
anderen zu belehren scheinen. Wer von uns, die wir zum großen
Teil wohl im Bildungswesen tätig sind, wüßte
nämlich nicht, wie sehr etwa die frühere Theoriefreundlichkeit
in vielen unse-
rer Bildungsinstitutionen in den letzten 20 oder 30 Jahren
fast in eine Theoriefeindlichkeit umgekippt ist, während auf der
anderen Seite vor einigen Jahrzehnten noch weitgehend
unbekannte sehr ausgeprägt das individuelle Gefühlsleben und
Har-
moniebedürfnis ansprechende Bildungsangebote heute
besonders nachgefragt werden? Es ist gegen solche gesellschaftlichen
Trends nicht das Geringste einzuwenden; und es wäre
im übrigens auch müßig, dies zu tun. Allerdings dürfen
solche Trends
nicht dazu führen, daß die gerade weniger
nachgefragten Angebote und damit auch die diese Angebote wahrnehmenden
Personen sowie die in diesem Zusammenhang geförderten
Fähigkeiten des Menschen abgewertet werden.)
5. Ein fünfter Aspekt der christlich-spirituellen
Bildung ist m.E., daß die Erwartung des Reiches Gottes und des Himmels
wachgehalten werden sollte. Wo denn auf dieser Welt sollte
im Vorgriff auf Endgültiges eher etwas davon zu spüren sein,
was Erlösung, Freude, Gerechtigkeit, ganzheitliche
Annahme, Gelassenheit in Gott usw. bedeutet als in einem Haus der
christlich-spirituellen Bildung? Nur wenn dies aber erlebbar
ist - und hier im Haus ist es für mich seit vielen Jahren als Teil-
nehmer und Referent von Kursen immer wieder erlebbar
- wird für alle Menschen - und zwar in einer heute zunehmend him-
melsvergessenen Zeit und Gesellschaft - das sicht- und
erlebbar gehalten, was unsere Vision und unser gottgeschenktes
Ziel als Christen ist.
6. Als sechsten und letzten Aspekt christlich-spiritueller
Bildung möchte ich schließlich nochmals benennen, worauf auch
O'Donovan mit seiner These vom Sabbat-Paradox aufmerksam
macht. Die christlich-spirituelle Bildung ist nichts Über-
flüssiges und kein Luxus. Gerade in einer Gesellschaft,
die derzeit erleben muß und in der nahen Zukunft wohl noch viel
mehr erleben wird, wie genau dasjenige, auf welches sie
lange Zeit fast ausschließlich zu setzen versucht hat, nämlich
das
Geld, nunmehr wie durch eine Verhexung im Märchen
in großen schwarzen Löchern verschwindet, gerade in einer sol-
chen Gesellschaft wird es wieder wichtiger, den Blick
auf - wie Donovan sagt - das Übernützliche zu richten. Das nämlich
gibt uns Perspektive, Sinn, Heil und vor allem das christlich
sogenannte ewige Leben.
Meine sehr vereehrten Damen und Herren, ich gratuliere
dem Exerzitien- und Bildungshaus der Pallottinerinnen in Lim-
burg sowie stellvertretend seiner Leiterin Sr. Gertrud
sehr herzlich zum 75-jährigen Bestehen des Hauses, wünsche Ihnen,
allen Schwestern der Gemeinschaft und uns, daß
Ihr Haus weiterhin eine Insel des erfahrenen Glaubens in einer oft so
gnadenlosen Welt bleibt und danke allen Zuhörenden
sehr herzlich für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit.