Zehn Thesen als Vortrag
beim Lions-Club Limburg-Mittellahn am 10. März 2003
von Prof. DDr. Herbert Frohnhofen, Mainz/Flacht
(veröffentlicht am 21. Februar 2003)
I. Was heißt >an einen Gott glauben<?
1. Jedes menschliche Leben, soweit es nicht in
einer das Bewußtsein trübenden Vermassung, in einer das Bewußt-
sein schwächenden Drogensucht,
in einer das Bewußtsein umnachtenden geistigen Behinderung oder ähnlichem
die menschlichen Bewußtseinsmöglichkeiten
Depravierendem steckenbleibt, sondern sich zu einem reflektierten
Welt- und Selbstbewußtsein
erhebt, gemäß dem das eigene Leben individuell, frei und selbstständig
gestaltbar ist,
benötigt für dieses
frei zu gestaltende Leben eine Orientierung.
2. Mögliche Orientierungen für ein solches
Leben sind vielfältig. Am häufigsten und aufgrund unserer vielfältigen
Bedürftigkeit am naheliegendsten
werden solche notwendigen Orientierungen von uns gefunden in konkreten
oder abstrakten für unser
Leben erstrebten, individuell und/oder kollektiv nutzbringenden Gütern
bzw. Wer-
ten. So kann das Leben
beispielsweise ebenso daran orientiert werden, Geld, Macht, Sicherheit oder
Sexualkon-
takte zu maximieren, wie etwa
daran, für Demokratie, Freiheit, Familiensinn oder Nächstenliebe
einzutreten. (Je
nach Art der eigenen Orientierung
werden die von anderen Menschen angestrebten Güter oder Werte dabei oft
abgewertet, um die eigene Orientierung
- nach welchen Kriterien auch immer - als die je bessere behaupten zu
können.)
3. In aller Regel freilich werden Güter und
Werte von Menschen nicht einzeln und losgelöst von ihren Lebenskon-
texten erstrebt, sondern Menschen
sind in der Regel eingebunden in und geprägt durch kulturell vorgegebene
Weltanschauungen, die vor
dem Hintergrund eines bestimmten, kulturell gewachsenen Welt- und Menschenbil-
des das Erstreben bestimmter Güter
und Werte empfehlen bzw. gutheißen, das Erstreben anderer Güter
und Wer-
te aber ablehnen oder geringschätzen.
4. Gottesglaube kommt nun erst da ins Spiel,
wo eine Weltanschauung so geprägt ist, daß in ihr eine oder
meh-
rere sog. transzendente (d.h.
die erfahrbare Welt - auf welche Weise auch immer - übersteigende) Mächte
ange-
nommen werden, die ihrerseits Einfluß
auf das Leben in der für uns erfahrbaren Welt nehmen. An einen Gott
oder mehrere Götter glauben,
heißt dann, (1) die >Existenz< und Wirksamkeit solcher Mächte
anzunehmen,
sowie (2) sein Leben auf die Bestärkung
dieser göttlichen Macht bzw. dieser göttlichen Mächte
in der Welt hin
zu orientieren.
5. Der überhaupt sein Leben in freiem Selbstbewußtsein
gestaltende Mensch steht mithin vor der Entscheidung,
sein Leben entweder (1) allein
für die Erlangung zumindest eines bzw. einen z.B. der oben genannten
Güter oder
Werte einzusetzen, oder (2) sich
im Rahmen einer vorgegebenen Weltanschauung der Erlangung bzw. Verwirk-
lichung von ausgewählten Gütern
bzw. Werten zu widmen, oder aber (3) sich für die ausgeprägtere
Wirksamkeit
einer oder mehrerer göttlicher
Mächte einzusetzen. Charakteristisch für die Entscheidung (1) ist
es, daß sie kon-
kret, naheliegend und nützlich
ist, jedoch keine über den unmittelbaren Lebenskontext hinausweisende
Sinndi-
mension erschließt; charakteristisch
für (2) und (3) ist es, daß sie oft Opfer und Verzichte inbezug
auf die Befrie-
digung unmittelbarer menschlicher
Bedürfnisse erfordern, andererseits aber eine soziale und ggf. gar kosmische
Sinndimension mit erschließen.
II. An welchen Gott bzw. welche Götter glauben?
6. Fällt die Entscheidung für einen Gottesglauben
und wird hierbei wiederum nicht einfach der kulturell nahelie-
gendste aus dem Lebenskontext übernommen,
so stellt sich - sofern ein neuer Gottesglaube nicht etabliert wird
- das Problem der Auswahl unter
verschiedenen kulturell überlieferten bzw. gegenwärtig angebotenen
Gottesvorstellungen sowie
- verbunden damit - nach den Kriterien für eine solche zu treffende
Auswahl.
7. Vor dem Hintergrund, daß (1) es die Aufgabe
bzw. die gewünschte Funktion des gewählten Gottesglaubens ist,
eine über das individuelle
Leben hinausreichende Sinndimension zu erschließen, sowie (2) der frei
nach einem
Gottesglauben Ausschau haltende
Mensch vermutlich seine Freiheit nicht aufgeben, sondern dieselbe durch sei-
nen Gottesglauben eher bestärkt
sehen möchte, ergeben sich für die Auswahl eines Gottesglaubens
zwei Krite-
rien: Der Gottesglaube sollte
(1) auf der theoretischen Ebene die offensichtlichen Kontingenzen des menschli-
chen Lebens (Krankheit, Schuld,
Sünde, Tod u.a.) in ein als möglichst angemessen erfahrbares und
möglichst
umfassend erklärendes Sinnkonzept
integrieren, sowie (2) auf der Handlungsebene: dem einzelnen Menschen
eine möglichst große
Freiheit, Selbstverantwortung und Wertschätzung abfordern bzw. zusichern.
8. Ohne dies hier näher ausführen bzw.
begründen zu können, sprechen beide genannten Kriterien unter den
inter-
kulturell bekannten und verbreiteten
Gottesvorstellungen in hohem Maße für den christlichen Gotteslauben;
ich denke sogar: bis auf weiteres
braucht dieser im Hinblick auf die beiden genannten Kriterien ernstzunehmen-
de Konkurrenz nicht zu befürchten.
Was heißt es aber, in unserer Zeit christlich an Gott zu glauben?
III. Christlich an Gott glauben in unserer Zeit
9. Christlich an Gott glauben, heißt:
Auf eine trinitarisch gestaltete welttranszendente Macht setzen, die
sich uns zeigt: (1) als der Welt
Sinn und Heil geben wollende Schöpferkraft, die als solche permanent
heilbrin-
gend in der Welt gegenwärtig
ist und wirkt, (2) als in der historischen Person Jesu Christi historisch
und gegen-
wärtig wirksame Kraft, die
Menschen aus ihrer Schuld und Gottesferne befreit und dadurch für einzelne
Men-
schen wie menschliche Gemeinschaften
erlösend wirkt, sowie (3) als eine die Menschen selbst mit einem neuen
Geist erfüllende Macht, die
sie dazu befähigt, frei und selbstständig zu einem neugeschaffenen
und befreiten Le-
ben für sich selbst und unter
den Mitmenschen beizutragen.
10. Für die konkrete Lebenspraxis wirkt sich dies beispielsweise so aus, daß
(1)
das Heil aller Menschen, ja aller Geschöpfe, im Blick ist
und nicht allein dasjenige einzelner,
(2) eine
Mitwirkung versucht wird, an der Aufhebung lebenschädigender oder
gar lebensvernichtender
Handlungsweisen,
(3) eine
Mitwirkung versucht wird an der Befreiung jeglicher Menschen aus Schuld,
Not, Ungerechtig-
keit und Unheil,
(4) darauf
gesetzt wird, daß jeder Mensch dazu ausersehen ist, sein Leben in
Freiheit, Solidarität und
Gerechtigkeit leben zu dürfen.