von Prof. DDr. Herbert Frohnhofen, Mainz/Limburg
Vortrag beim VKRG Speyer am 8.9.2001 in Neustadt/Weinstraße
Nicht wenig geschockt, verehrte Damen und Herren, waren im vergangenen
Jahr
wir Kolleginnen und Kollegen im Fachbereich Praktische Theologie der
KFH
Mainz als die übliche Zahl der Erstsemester von in den 90er Jahren
rund25 bis
30 plötzlich auf 14 fiel und dann im Laufe des Wintersemesters
diese Zahl sich
auch noch auf 11 Studienanfängerinnen und Studienanfänger,
immerhin ja für
fünf Diözesen, reduzierte. Zwar waren - wie üblich mit
rund 35 mehr als doppelt
so viele Bewerbungen eingegangen als Personen von den Diözesen
in Verbindung
mit uns zum Studium zugelassen wurden; doch war die schließlich
verbleibende
Zahl doch so niedrig, daß schwerwiegende Fragen auftauchten,
nämlich: Kön-
nen wir etwas tun, bzw. haben wir bis jetzt zu wenig getan in der Werbung
und
Öffentlichkeitsarbeit für den Beruf bzw. das Studium? Oder
erleben wir vielleicht
einfach, daß ein bisher sehr gerne gewählter Beruf - aus
welchen Gründen auch
immer - sang- und klanglos untergeht?
Nun, für das in wenigen Wochen beginnende neue Wintersemester haben
wir
wieder die sehr erfreuliche Zahl von ca. 28 Erstsemestern, so daß
sich der letzt-
jährige tiefe Einbruch vielleicht und hoffentlich doch als einmaliger
herausstellen
wird. Trotzdem bleiben natürlich viele Fragen offen: Wo stehen
wir heute über-
haupt mit dem Beruf des/der GR? Wo geht es hin? Wie sieht unsere gemeinsa-
me Zukunft in diesem und für diesen Beruf in der katholischen
Kirche aus? Sie,
bzw. Herr König in Ihrem Namen, haben mich eingeladen, hierzu
einige Gedan-
ken aus der Sicht des derzeitigen Dekans des Fachbereiches Praktische
Theologie
an der KFH Mainz zu Ihrer Tagung beizusteuern; ich danke herzlich für
die Einla-
dung und will dies gerne in drei Abschnitten versuchen:
(1) Zur aktuellen Situation in Gesellschaft und Kirche
(2) Thesen zum Beruf des/der GR in der aktuellen Situation
(3) Aspekte der Ausbildung zukünftiger GR an der KFH Mainz
Alles in allem möchte ich insgesamt maximal 45 Minuten sprechen,
so daß wir
genügend Zeit zur Aussprache miteinander haben, zu einer Aussprache,
die mir
sehr wichtig ist, um auch Ihre Aspekte und Meinungen zu den angesprochenen
Themen kennenzulernen und aufzunehmen.
I. Zur aktuellen Situation in Gesellschaft und Kirche
1. Das Ende der großen Erzählungen: Die
Postmoderne
Auch wenn die ersten Autoren (z.B. Jean Pierre Wils) bereits damit beginnen,
unsere
Gegenwart als >Nach-Postmoderne< zu charakterisieren, scheint mir
persönlich die
Beschreibung unserer gesellschaftlichen Situation als >postmodern<
immer noch sehr
aktuell zu sein. Grundlegend hierfür ist ja die bereits 1979 erstmals
vom franzö-
sischen Philosophen JEAN-FRANCOIS LYOTARD verwendete Redeweise vom
>Ende der großen Erzählungen< bzw.der >Meta-Erzählungen<:
Gemeint war hiermit
bekanntlich, daß wir zum Ende des 20. Jahrhunderts im sog. industrialisierten
Westen
in einer Welt leben, der jeder Anspruch, uns die Welt gültig
und umfassend zu er-
klären sowie von dieser Sicht aus auch unser Handeln zu verpflichten,
mehr als
verdächtig geworden ist. Vor allem weil die Meta-Erzählungen
des Faschismus und des
Kommunismus gerade im 20. Jh. zahllose Menschen in unvorstellbares
Leid geführt
haben, sei die Abwehr gegen jegliche Meta-Erzählung nur allzu
verständlich; und der
christliche Glaube wie auch andere Religionen fallen für den aufgeklärten
Zeitgenossen
unserer Tage in aller Regel mit unter dieses Verdikt. Ein früherer
DDR-Bürger z.B., von
dem ich in einer Zeitschrift las, erklärte, daß er aus seiner
Vergangenheit vor allem ge-
lernt habe, nie mehr einer Lehre oder Weltanschauung zu vertrauen,
die einen Totalan-
spruch auf den Menschen erhebt. Dies genau meint Postmoderne.
Für den einzelnen Menschen, wie auch für diesen früheren
DDR-Bürger, bedeutet diese
Situation freilich in aller Regel nicht einen beklagenswerten oder
vielfach dann auch be-
klagten Verlust, nein im Gegenteil: sie wird als Befreiung erlebt,
als der Gewinn eines
neuen, ja befreiten Raumes, in dem jetzt anstelle der Groß-Erzählung
eine Fülle
und Buntheit neuer kleiner Erzählungen vom Menschen und seiner
Welt mög-
lich werden, ohne dabei den Restriktionen, Normierungen oder
gar Dogmen einer Groß-
Erzählung unterworfen zu sein.
2. Konsequenzen der Postmoderne: Die Individualisierung der Lebenswelten
Dies, so scheint mir, hat ganz erhebliche Konsequenzen für die
Verkündigung des christ-
lichen Glaubens und die pastorale Tätigkeit insgesamt. Die erste
und auffälligste ist, daß
man - wo immer man als Christ bzw. Repräsentant der Kirche hinkommt
- erlebt, daß
auch Kirche und Christentum als Großerzählung für viele
obsolet geworden sind und
ebenfalls oft nurmehr müde belächelt werden. Vor wenigen
Wochen im Urlaub erst wur-
de ich von einem immerhin katholischen Ehepaar mittleren Alters aus
dem sehr katholi-
schen Münster in Westfalen, welches freilich ausdrücklich
betonte, immer noch Kirchen-
steuern zu entrichten, entrüstet gefragt, wie ich denn - als offensichtlich
doch ganz normaler
Mensch - noch für diese Kirche arbeiten könne, ob ich denn
nicht sehe, daß Christentum
und Kirche mehr Schaden als Nutzen über die Menschheit gebracht
hätten. Also selbst
hier bei Katholiken: Postmoderne Skepsis, ja Ablehnung gegenüber
der Meta-Erzählung
Kirche/Christentum in Reinkultur.
Gleichzeitig freilich - und das kennen wir vermutlich ebenfalls alle
- bringt die entstehende
und vom Individuum so gewünschte Unabhängigkeit von den >Groß-Erzählungen<
und
ihren Institutionen ganz erhebliche Unsicherheiten im Selbstverständnis
sowie einer ent-
sprechenden Handlungsorientierung mit sich. Was uns gesellschaftlich
etwa in den aktu-
ellen Diskussionen um die Sterbehilfe oder die Präimplantationsdiagnostik
vor Augen tritt,
korrespondiert im individuellen Bereich einer verbreiteten Orientierungslosigkeit
in den
Fragen der Berufswahl und besonders der partnerschaftlichen bzw. familiären
Lebensge-
staltung. Spätestens an dieser Stelle wird dann deutlich, daß
die inzwischen recht verbreite-
te postmoderne Entledigung auch von der Groß-Erzählung Christentum/Kirche
viele Men-
schen traditions-, und damit verbunden oft auch hilf- und orientierungslos
gemacht hat und
sie deshalb oft mit vielen Ängsten und schier unlösbaren
Fragen beladen zurückläßt.1
Schmerzvoll wird dabei erfahren, daß der postmodern gewonnene
und oftmals so bejubelte
Freiraum des Individuums von den angeblich das Individuum nur einzwängenden
Groß-
erzählungen und ihren Institutionen faktisch dazu führt,
daß mit der Aufgabe der Großer-
zählung auch die Strukturierung und Sinngebung des eigenen Lebens
zu einem großen
Teil weggefallen und nunmehr an das Individuum rückübertragen
worden ist.2
3. Die Kirchen in der Postmoderne
Die Kirchen werden von den gesellschaftlichen Wandlungen der Postmoderne
natürlich
in ganz gravierender Weise betroffen. Hatte es dabei für einige
zunächst den Anschein,
daß die Kirchen aufgrund der allgemeinen Zurückweisung der
Groß-Institutionen mög-
licherweise ganz an den Rand gedrängt werden könnten, so
scheint sich derzeit ein neuer
Trend herauszuschälen, nämlich das Bedürfnis, die Kirchen
als differenzierte Dienstlei-
stungsorganisationen wahrzunehmen. Während nämlich
einerseits die Kirchen als In-
stitutionen und das Christentum als Meta-Erzählung weiterhin an
gesellschaftlicher Be-
deutung und Akzeptanz verlieren (so auch die jüngste Allensbach-Umfrage),
besteht auf
der anderen Seite ein ungebrochenes Bedürfnis, an bestimmten Wendepunkten
des Le-
bens oder überhaupt zu einzelnen Gelegenheiten kirchliche Angebote
zur individuellen
Sinnfindung oder Gestaltung des Lebens zu nützen. Dies gilt sowohl
für die liturgischen
Vollzüge (Sakramente, hohe Feste, Requiem) und die vielfältigen
diakonischen Angebote,
als auch in hohem Maße für den Bereich der Verkündigung,
wie man nicht zuletzt z.B. an
dem weiterhin extrem hohen Zuspruch für kirchliche Schulen und
Hochschulen sehen
kann. Der De-Institutionalisierung der Kirche auf der einen Seite steht
also eine verstärkte
Individualbegleitung und die Gestaltung vieler bedürfnisorientiert
angebotener Einzelver-
anstaltungen auf der anderen Seite gegenüber.
Für viele Mitglieder unserer Gesellschaft, ja auch der Kirchen
selbst, wandeln sich damit
die Kirchen von immer weniger akzeptierten gesellschaftlich und auch
politischen Einfluß
nehmenden Groß-Institutionen, denen man wesentlich auch als Mitglied
verpflichtet ist, zu
mehr oder weniger reinen Dienstleistungsorganisationen, deren
Dienste punktuell
und je nach Bedürfnislage in Anspruch genommen werden, und
denen gegenüber
die eigene andauernde Mitgliedschaft geringere Bedeutung zu bekommen
scheint.
Aus der Sicht des kirchlichen Selbstverständnisses (vgl. Kirche
als Sakrament des Heils
und als Gemeinschaft der Glaubenden) ist dies natürlich allein
eine sehr verkürzte Sicht-
weise der Kirche. Der Frankfurter Dogmatiker Medard Kehl macht aber
m.E. zu Recht
aufmerksam, daß gerade vor dem Hintergrund des konziliaren Begriffs
der Kirche als
>universalem Sakrament des Heils< (LG 48) dies durchaus eine integrierbare
Sichtweise
der Kirche ist:
"Als Zeichen und Werkzeug des universalen Heilswillens
Gottes wird die Kirche selbst im ganzen uni-
versaler, offener, weiter, allerdings auch unbestimmter.
Sie kann nicht mehreindeutig sagen: Hier be-
ginnt Kirche als Ort des im Glauben und in der Liebe
angenommenen Heilswillen Gottes, hier endet sie.
Statt dessen kann jetzt viel stärker die Möglichkeit
einer großen Vielfalt von gestufter Zugehörigkeit zur
Kirche oder Zuordnung zu ihr gesehen werden; und zwar
nicht nur (wie es das Konzil in LG 13-17 tut)
unter den Menschenaußerhalb des gesellschaftlich
greifbaren Verbandes der Kirche, sondern analog auch
unter ihren getauften Mitgliedern selbst." (M. KEHL,
Kirche als "Dienstleistungsorganisation"? Theolo-
gische Überlegungen, in: Stimmen der Zeit 218 (2000)
389-400, 395).
Um allerdings auf der anderen Seite der Gefahr zu wehren, daß
die Kirche durch die grö-
ßere Durchlässigkeit an ihren Rändern in ihrer Identität
Schaden nimmt, ist daneben - so
Kehl - ihr Selbstbewußtsein als Heilszeichen (mit universaler
Heilspräsenz) zu stärken
(Kehl 398f):
"Wir brauchen (deshalb) den Mut und die Entschiedenheit
für eine partikulare, in sich selbst noch einmal
sehr differenzierte kirchliche Eigenkultur, ohne sie
programmatisch als Gegenkultur zur Moderne zu de-
klarieren... Eine (solche) kirchliche Eigenkultur schöpft
unverkürzt und selbstbewußt aus dem reichen
Reservoir ihrer Tradition an Symbolen, an Liturgien,
an Erzählungen, an geistlichen Erfahrungen, an
diakonischen und gesellschaftspolitischen Initiativen
usw. Sie bietet daraus eine umfassende, sinnstiften-
de Lebens- und Weltdeutung aus der Mitte des christlichen
Glaubens an... Auf diese Weise könnte die
Kirche für viele unserer Zeitgenossen eine Art 'Wahlheimat'
(Andreas Wollbold) werden, also eine kirch-
liche Heimat, die ihnen nicht einfach geographisch oder
biographisch vorgegeben ist, sondern die sie frei
gewählt haben und an der sie mitbauen, so daß
sie für sie selbst und für andere ein bergendes Haus im
Glauben werden kann."
II. Thesen zum Beruf des/der GR in der gegenwärtigen
gesellschaftlichen und kirchlichen Situation
1. Der/Die GR wird selbst zum/r differenzierten Dienstleister/in der Kirche
Angesichts der hier kurz skizzierten Situation in Kirche und Gesellschaft
liegt es auf der
Hand, daß der bzw. die im pastoralen Dienst der Kirche tätige
GR selbst zum immer dif-
ferenzierter werdenden Dienstleister/in werden muß bzw. wird.
Wenngleich von manchen
Diözesanleitungen offiziell noch die gegenteilige Devise ausgegeben
wird, differenziert
sich der Beruf des/der GR faktisch doch immer weiter aus. Sowohl die
offiziellen Dienst-
aufträge gehen immer häufiger über die ursprünglich
so beabsichtigte Assistententätigkeit
für einen Pfarrer in einer Gemeinde deutlich hinaus und beinhalten
heute ganz selbstver-
ständlich auch gemeindeleitende oder mehrere Gemeinden übergreifende
Funktionen. Als
auch die faktischen Aufgaben der verschiedenen GR scheinen sich je
nach Art und Struk-
tur des Einsatzgebietes und der dort lebenden Menschen sehr unterschiedlich
in den wei-
ten Bereichen der Verkündigung, der Diakonie und der Liturgie
zu differenzieren.
Da nun überdies in immer mehr Gemeinden der direktiv (und ggf.
impulsiv) leitende
Pfarrer selbst - aus verschiedenen Gründen - nicht mehr anzutreffen
ist, scheint mir eine
immer größere Sensibilität des/der GR vonnöten,
selbst ein offenes Ohr und Herz dafür
zu haben bzw. zu entwickeln, in welchen Bereichen am ehesten die eigene
Person und
Arbeitskraft vonnöten ist und auf welche Weise sie am methodisch
sinnvollsten eingesetzt
werden kann. Hierzu gehört natürlich neben der ausgeprägten
Sensibilität für die Nöte und
Bedürfnisse der Menschen als potentiellen Klienten eine nicht
minder ausgeprägte Sensibi-
lität für die Möglichkeiten, Fähigkeiten und ggf.
auch Fortbildungsnotwendigkeiten der ei-
genen Person, sowie nicht zuletzt die jeweils neu auszuprobierende
Fähigkeit, auch die ei-
genen Grenzen einschätzen zu lernen, um auch der Selbstausbeutung
und dem Burn-out-
Syndrom frühzeitig entgegenzuwirken.
2. Der/Die GR ist Beziehungsstifter/in
Bei aller Differenziertheit der im einzelnen zu leistenden Aufgaben
scheint mir ein wichti-
ges durchgängiges Charakteristikum aller von GR zu übernehmenden
Aufgaben das Stif-
ten und Gestalten von Beziehungen zu sein. Dabei ist zunächst
und vordergründig na-
türlich das Stiften und Gestalten von Beziehungen zwischenmenschlicher
Art im Blick
und auf der Tagesordnung. Ich denke dabei an die vielfältigen
zu gestaltenden Gruppen,
Ferienlager, Altennachmittage, aber auch an Beratungs- und Seelsorgsgespräche
u.v.m..
Dies alles aber muß - um wirklich im Glauben lebendig und erfüllend
sein zu können -
umgriffen werden durch die (eigene wie gemeinschaftliche) lebendige
Beziehung zum
dreifaltigen Gott. Nur da, wo es Ihnen gelingt, die Ihnen anvertrauten
Menschen in ihrer
Beziehung zum lebendigen Gott zu stärken und gerade aus dieser
Beziehung dann auch
miteinander in Beziehung zu treten, nur dort wächst und entwickelt
sich tatsächlich die
Kirche Gottes, nur dort ist sie lebendig, nur dort gibt sie den Menschen
Sinn, Erfüllung
und ewiges Leben. Während vordergründig also vor allem die
zwischenmenschliche Be-
ziehung im Blickfeld der Arbeit des/der GR ist, steht im Hintergrund
immer die Beziehung
zum lebendigen Gott, die alles durchwirkt und durchwirken muß.
Weitaus tiefgreifender
noch als zwischenmenschliche sind deshalb GR gott-menschliche Beziehungsstifter/innen,
und dies ist ihre eigentliche, ihre spezifische Aufgabe als pastorale
Mitarbeiter/innen im
Weinberg Gottes.
Von der Aufgabe des Priesters unterscheidet sich die Aufgabe der GR
dabei m.E. heute
vor allem darin, daß diese pastorale Tätigkeit des Beziehungstiftens
zwischen Gott und
den Menschen für Sie nicht so ausgeprägt und heute faktisch
oft übergewichtig auf den
liturgischen, vor allem sakramentalen Vollzug hin ausgerichtet ist
wie das beim Priester
der Fall ist. Bei manchen Nachteilen, die dies haben mag und die in
der Vergangenheit
- mitunter wohl nicht ohne Neid - beklagt wurden, eröffnet dies
m.E. für Sie auch die
Chance, in einem sehr viel weiteren Feld von Begegnungsmöglichkeiten,
Methoden und
sozialen Umfeldern die eigene Berufstätigkeit zu entfalten. Wer
von Ihnen, meine Da-
men und Herren, weiß denn heute genau, welches Arbeitsfeld ihm
in fünf Jahren am
meisten ent- spricht bzw. in welchem er oder sie in fünf Jahren
die größten Notwendig-
keiten der pastoralen Arbeit sieht: im Altenheim, in der Schule, in
der Touristik- oder
Studierendenseelsorge, in einer beratenden Tätigkeit oder wo auch
immer? Wer von
Ihnen weiß heute, welche Methoden er dann anwenden wird, in welcher
Weise er bzw.
sie sich darauf noch vorbereiten wird, welche Fortbildungen noch anstehen
werden usw.?
Dies alles bringt natürlich für Sie Unsicherheiten mit sich,
aber vor allem auch Vielfalt:
Vielfalt an Methodik, Menschen und Begegnungen. Alles umgriffen einzig
durch die
Grundaufgabe, Beziehungsstifter/in zwischen Gott und den Menschen zu
sein.
3. Der/Die GR ist Geistliche/r
Gerade die genannte Grundaufgabe des Beziehungstiftens zwischen Gott
und den
Menschen ist freilich nur dann zu leisten, wenn der/die GR selbst vom
Geist Gottes
durchdrungen, d.h. selbst Geistliche/r ist. Dies ist zunächst
nichts Ungewöhnliches,
nichts Besonderes; spricht doch Paulus bekanntlich alle Mit-glieder
der Gemeinde
wesentlich als Geistliche an. Und - dies in Klammern - nur weniges
macht so gravie-
rend deutlich, daß vom Christentum das Wesentliche nicht verstanden
worden ist, wie
die Tatsache, daß in unserer Gesellschaft und Kirche verschiedentlich
immer noch al-
lein Priester >Geistliche< genannt werden. Wir alle sind Geistliche;
und gerade in der
Pastoral tätige Personen, also auch Sie, müssen zur Ausübung
ihres Dienstes in beson-
derer Weise vom Geist Gottes durchdrungene Personen, also Geistliche,
sein.
Der zwischen Gott und Mensch beziehungsstiftende Dienst des/der GR setzt
demnach ein Selbstverständnis des/der GR voraus, das wesentlich
dadurch ge-
prägt ist, daß Gottes Geist es selbst ist, der in uns wirkt
und der insbesondere
im pastoralen Dienst durch uns beziehungsstiftend wirkt. Dieses Selbstbewußt-
sein ist grundlegend für jeden pastoralen Dienst und muß
deshalb regelmäßig
bedacht, angesprochen und erneuert werden. Hierzu wäre - gerade
von Ihnen
sicher vieles zu ergänzen -; aber ich will es hier erst einmal
dabei belassen.
4. GR sind Repräsentant(inn)en der Kirche
Ja, auch dies stimmt. Auch wenn es angesichts der oben angesprochenen
post-
modernen Gesellschaftssituation in der jüngeren Zeit manch einer
oder manch
eine vielleicht nicht so gerne sieht und sich bewußt macht. Wir
alle, die wir im
kirchlichen Dienst stehen, sind Repräsentant/inn/en dieser Kirche.
Und dies -
so wird es mir in der jüngeren Vergangenheit immer mehr bewußt
- ist zwar
einerseits immer wieder mal eine Last; andererseits aber und vor allem
ist es
absolute Notwendigkeit und auch wesentliche Hilfe für unseren
Dienst. Reprä-
sentant/in der Kirche zu sein, bedeutet einerseits natürlich die
Last zu tragen,
tagtäglich von selbst ernannten Richtern die tatsächlichen
oder vermeintlichen
Fehler der Kirche in ihrer Vergangenheit und Gegenwart vorgehalten,
ja oftmals
gar um die Ohren geschlagen zu bekommen. Das gehört offenbar dazu
und ist
in unserer postmodernen Gegenwart die Me- thode vieler Zeitgenossen,
sich
mit der Großerzählung >Christentum</Kirche kritisch und
d.h. oft abwertend
auseinanderzusetzen. Dies müssen wir schlicht aushalten; und spätestens
seit
dem päpstlichen Schuldbekenntnis aus dem vorigen Jahr dürfen
wir dann
gleich hinzufügen, daß unsere Kirche die in 2000 Jahren
auf sich genomme-
ne Schuld nicht leugnet oder verdrängt sondern ihr offen ins Auge
zu sehen
bereit ist.
Repräsentant/in dieser Kirche zu sein, meint aber zum Glück
nicht nur diese
eine, derzeit bei uns so beliebte Seite. Repräsentant/in dieser
Kirche zu sein,
meint auch das riesige Glück, sich auf Heilige wie Franz von Assisi,
Oscar
Romero, Mutter Theresa und ungezählte andere beziehen zu können.
Es heißt
auch Repräsentant/in der ungezählten treusorgenden Väter
und Mütter zu sein,
die über viele Jahrhunderte hindurch oft unter Aufbietung ihrer
letzten Kräfte
Gutes für ihre Kinder und die Gesellschaft getan haben. Es heißt
auch, selbst
in der Tradition einer Intellektualität und Freiheitsgeschichte
zu stehen, die -
vergleichen wir nur einmal die aktuellen Vorgänge in Afghanistan
- wie keine
andere Menschen auch zur Freiheit, Selbstbestimmung, Wahrheit, Gerechtig-
keit, Erkenntnis und zum Heil geführt hat. Repräsentant/in
der Kirche zu sein,
heißt dann auch, eine Geschichte, eine Tradition und Kultur im
Hintergrund
zu haben, die der gähnenden Leere, die uns heute aus den oftmals
orien-
tierungslosen Medien entgegenschallt, entgegengesetzt wird, die dieser
geisti-
gen und geistlichen Leere eine reiche Fülle an Kultur gegenüberstellt.
Außerdem und vor allem aber heißt >Repräsentant/in
dieser Kirche zu sein<,
Gott selbst hinter sich wissen zu dür- fen, den dreifaltigen Gott,
der diese Ge-
meinschaft - bei all ihren Fehlern - gleichwohl durchdringt und führt.
Auch
wenn ich dann selbst einmal schwach bin in meinem Dienst - und wer
von
uns wäre das nicht -, wenn mir Fehler unterlaufen oder sogar sündhafte,
dem
Geist Gottes zuwiderlaufende Handlungen: Gott selbst und die Kirche
als
die in seinem Geist lebende Gemeinschaft stehen hinter mir, stützen
mich, fan-
gen mich auf, wenn ich es nötig habe. Und wenn mir dies in meinem
Dienst
bewußt ist, daß die im Geiste Gottes starke Gemeinschaft
der Kirche mir den
Rücken stärkt, dann kann mich das auch richtig stark machen.
Ich fühle u.U.
Kräfte in mir, die aus mir allein niemals kämen, die mich
antreiben und stärken
und auf die ich auch dann vertrauen kann, wenn ich selbst ganz schwach,
krank
oder einsam bin. In dieser Kraft des größten und ältesten
der Global Players
seinen befreienden, helfenden und beziehungsstiftenden Dienst tun zu
können,
erfahre ich - je länger ich in der Kirche arbeite - als ein riesiges
Geschenk.
III. Aspekte der Ausbildung zukünftiger GR
Schauen wir abschließend auf die Ausbildung der zukünftigen
GR, hier auf die
erste Ausbildungsphase, das Studium, für das ich an der KFH Mainz
mit Ver-
antwortung trage. Ab dem kommenden Wintersemester, also in wenigen
Wo-
chen, wird voraussichtlich die seit einigen Jahren in enger Abstimmung
mit den
Diözesen erarbeitete neue Studienordnung in unserem Fachbereich
in Geltung
kommen. Formaler Anlaß für die Studienordnungsreform ist
das seit einigen
Jahren reformierte Fachhochschulgesetz in Rheinland-Pfalz und die hieraus
sich ergebende Notwendigkeit, unsere Studien- und Prüfungsordnung
in eini-
gen Punkten diesem Fachhochschulgesetz anzupassen. Wir sahen aber die
Not-
wendigkeit, über diese notwendigen Änderungen hinaus, weitere
neue Akzente
zu setzen. Diese sind im wesentlichen die folgenden:
1. die Einführung eines obligatorischen
Bereiches >persönlichkeits-
orientierte spirituelle Bildung<
2. die Intensivierung des Bereiches >berufsspezifische Methoden<
3. die Neugestaltung des Vorpraktikums
4. die Neuordnung und Intensivierung der Praktika
5. die Einführung zweier Schwerpunktbereiche:
>Erwachsenen-
pastoral< und >Diakonie<
6. Mehr studienbegleitende Prüfungen und
Leistungsnachweise
1 "Die
Industriegesellschaft setzt Ressourcen von Natur und Kultur voraus, auf
deren Existenz
sie aufbaut, deren Bestände aber im Zuge einer sich
durchsetzenden Modernisierung aufgebraucht
werden. Dies trifft auch auf kulturelle Lebensformen...
und soziale Arbeitsvermögen zu (z.B. Haus-
frauenarbeit, die zwar nicht als Arbeit anerkannt war,
gleichwohl aber die Erwerbsarbeit des Mannes
erst ermöglicht hat). Dieser Verbrauch der kollektiven
oder gruppenspezifischen Sinnreservoire
(z.B. Glauben, Klassenbewußtsein) der traditionalen
Kultur... führt dazu, daß alle Definitionsleistun-
gen den Individuen zugemutet werden. Chancen, Gefahren,
Ambivalenzen der Biographie, die früher
im Familienverband, in der dörflichen Gemeinschaft,
im Rückgriff auf ständische Regeln oder soziale
Klassen bewältigt werden mochten, müssen nun
von den einzelnen selbst wahrgenommen, interpre-
tiert und bearbeitet werden. Chancen und Lasten der Situationsdefinition
und -bewältigung verlagern
sich damit auf die Individuen, ohne daß diese aufgrund
der hohen Komplexität der gesellschaftlichen
Zusammenhänge noch in der Lage sind, die damit unvermeid-
lichen Entscheidungen fundiert, in Ab-
wägung von Interesse, Moral und Folgen verantwortlich
treffen (zu) können" (U. BECK, Die feindlose
Demokratie. Ausgew. Aufsätze, Stuttgart 1995, 32;
zit. aus: A.GRÖZINGER, Die Kirche - ist sie noch
zu retten? Anstiftungen für das Christentum in postmoderner
Gesellschaft, Gütersloh 1998, 19f).
2 "Unter
den Bedingungen der Postmoderne befinden sich die Menschen mithin in Bezug
auf ihre
eigene Lebensgeschichte in einer dramatischen Ausgangslage.
Die Individualisierung der Lebenswel-
ten legt dem einzelnen Menschen ein immer größeres
Maß an Interpretations- und Integrationsleistun-
gen auf. Das heißt: Das eigene Leben muß
Tag für Tag aufs Neue ein Stück weit 'erfunden' werden, wobei
die Grammatik, um dieses Leben lesen und buchstabieren
zu können, gleich miterfunden werden muß.
Für diese Erfindung des Lebens bedarf es jedoch
eines Reser- voirs an Geschichten, mittels derer die Men-
schen ihrer selbst ansichtig werden können. Die
Grammatik des Lebens ist narrativ strukturiert. Zu-
gleich ist ein ungebrochener Rückgriff auf einen
integren Bestand von Großerzählungen nicht mehr
möglich. Dem geschichtenbedürftigen Menschen
sind die Groß-Erzählungen verloren gegangen. Der
geschichtenbedürftige Mensch - und das genau ist
der Mensch unter den Bedingungen der Postmoderne
- muß sich auf die Suche begeben nach neuen tragfähigen
Geschichten. Exakt an dieser Stelle
stehen Theologie und kirchliche Praxis vor einer neuen
Aufgabe." (A. GRÖZINGER,
Die Kirche... (s.o.) 32f.)